Wiebke Elzel, "Von einem undisziplinierbaren Baum"
Transkript
Ganz zufällig habe ich die Süntebuche im Botanischen Garten, genannt Berggarten, in Hannover vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen.
Und dann stand dazu, dass es diesen Baum bis 1843 im nahegelegenen Sünthil Höhenzug in Niedersachsen als großen Bestand von diesen Bäumen als Wald gegeben hat.
Und der aber dann ausgerottet wurde, fast vollständig, im Zuge der Industrialisierung und sogenannter Verkoppelung, dass einfach der ganze Wald platt gemacht wurde.
Und auch, weil dieser Baum komplett nutzlos war wirtschaftlich.
Weil das Holz so verdreht und verknotet wächst, dass es einfach keine geraden Stämme gibt für Möbelbau oder andere industrielle Zwecke, auch für Häuserbau natürlich, Dachstühle oder so kann man es nicht verwenden.
Und auch, dass es so hart ist, dass die Axt stecken bleibt, dass man es noch nicht mal mehr für Brennholz verwenden kann.
Tatsächlich hatten die Leute auch Angst gehabt vor dem Baum.
Also so viel Abergläube rankt sich drum, was sich in Namen wie Teufelsholz und Hexenwald manifestiert.
Den Namen Sünthebuche hat der Baum meines Wissens nach tatsächlich erst, nachdem es ihn gar nicht mehr gab, im Sünthil bekommen.
Davor hat man ihn auch Drehbuche oder Rengbuche genannt.
Und jetzt ist dieser Name immer auch wie so eine Art Referenz auf den Ort, wo er mal war, aber eben nicht mehr ist.
Finde ich eigentlich auch ganz spannend als Gedanke, dass eigentlich immer, wenn man diesen Namen sagt, man eigentlich auch schon seine Ausrottung mit thematisiert.
Weil in diesem Gebiet gibt es ihn halt eigentlich kaum noch.
In Versilles bei Reims, da gibt es einen großen Nationalpark inzwischen, wo es noch 800 Sünthebuchen gibt.
Und dann gibt es noch einen weiteren Ort.
Und ich war an beiden Orten, die sieht man hier verschränkt.
Südschweden bei Torna Hellestad und eben Versilles in Frankreich.
Und da gibt es noch Sünthebuchen, die einfach frei leben.
Warum ausgerechnet dort, weiß man nicht.
Das sind Wälder, Gemischwälder.
Und dazwischen, das sieht man ja auch, dass es auch andere Bäume dort gibt.
Aber in Schweden sind es einfach mehrere Tausend und du guckst von einem zum nächsten.
Also die stehen recht dicht beieinander und sind alle komplett unterschiedlich.
Und das waren so bizarre, irre Formen, dass ich dachte, ich bin im Skulpturenpark.
Und das wollte ich auch herausarbeiten, die Skulpturalität der Bäume.
Weswegen natürlich auch Schwarz-Weiß-Fotografie.
Da haben wir jetzt am 1. April eine junge Sünthebuche gepflanzt.
Zusammen mit dem Grünflächenamt, die den auch weiterhin betreuen werden.
Und dieser Baum hat auch jetzt schon eine interessante Form,
weil er eigentlich, wenn er gerade gewachsen wäre, in die Höhe, wie sich das für eine Rotbuche gehören würde,
dann wäre er jetzt zweieinhalb Meter hoch.
Aber er hat beschlossen, dass er in Höhe von ungefähr 70 Zentimeter, keine Ahnung, was er sagt,
dass er eben abknickt, in eine Richtung wächst.
Im Moment glaube ich, dass er sich neu verwurzelt.
Er berührt schon seit kurzem den Boden.
Man muss in 30 Jahren nochmal wiederkommen.