Thomas Behling
Transkript
Ja, meine eigene Balance, also ich finde es halt einfach eine wahnsinnsschwierige Situation in dem
hier und jetzt zu leben und zu sehen, wie im Eiltempo unseren Planeten zerstören und bei
allen möglichen Diskussionen nichts Besseres zu tun haben, als das wichtigste Thema unserer
Gegenwart auszusparen und den Rest zu diskutieren, als wenn das nachrangig wäre. Das ist so, wie wenn
man sich darüber unterhält, ob irgendwie der Wasserhahn tropft, aber gerade das Haus abgerissen
wird. Ja, ich halte diesen Produktionseifer, mit dem wir momentan wirtschaften, für ziemlich
verfehlt. In ziemlich vielen Bereichen täte es uns gut, langsamer zu werden.
Ja, die zeigt eine Hand, allerdings hält die Hand eben ihren eigenen Zeigefinger in die Höhe,
weil der abgeschnitten ist. Aber sie kann es halt nicht sein lassen, sie zeigt halt trotzdem in die
Höhe und zwar zeigt sie auf ein Bild, was man auf dem ersten Blick gar nicht sieht, was sich im
innen der Vitrine befindet und zwar an der Decke. Das heißt, man muss ganz nah herantreten und
dahin gucken, wo der Finger hin zeigt und dann sieht man eben ein Bild der Erdkugel bei 60 Meter
Meeresspiegelanstieg. Das ist ein schöner Kontrast, der mir auffällt, dass man zweimal hinsehen muss,
so wie zum Beispiel in dieser anderen Vitrine, die im ersten Teil der Ausstellung zu sehen ist,
mit der Baumgruppe, wo du jedes einzelne Loch, was dort wurmzerfressen aussieht, mit der Hand gebohrt hast
und genauso präzise fühlst du den Pinselstrich und mit einer riesengroßen Freude am Detail, während um uns herum eigentlich alles zerfällt.
Und das Objekt scheint kurz vorm Zusammenbruch zu sich zu befinden, wenn man sich bewusst macht,
dass Holz, was außen ein paar Löcher hat, innen drin oftmals schon völlig zerfressen ist.
Gibt es sonst noch einen Aspekt zum Titel It's a balanced trick, worüber wir noch nicht gesprochen haben?
Oder vielleicht bloß den Trick. Wo trickst du in deiner Arbeit?
Klar, ich trick's natürlich ganz viel. Ich baue ja Sachen, die so aussehen, als wenn sie 100 Jahre
auf dem Dachboden standen. Ich nehme ja auch alte Materialien, die ich wirklich wo gefunden habe,
aber ich baue eben ganz viel, was so aussieht, obwohl es das gar nicht ist. Und dann denkt man
vielleicht so, wo wurde denn den Kasten gefunden? Und naja, nee, das ist so alles Mögliche vom Sperrmüll, sage ich mal.
Das hat die Romantik ja auch gemacht. Die hat ja dann auch so Elemente genommen und es gotisch aussehen lassen,
was dann eigentlich neogotisch ist. Die wurde ja damals auch begründet.
Und wie würdest du es beschreiben, was ist der Unterschied zu, wie die Romantiker Natur gesehen haben und wie du sie heute siehst?
Ich glaube, der größte Unterschied scheint mir zu sein, dass es damals ein Aufbruch war.
Also ich persönlich halte sehr viel von Caspar Friedrich. Mich fasziniert nach wie vor an seinen Arbeiten,
wie er Landschaft als einen spirituellen Raum erfahrbar macht. Und damals, finde ich, war das wie so ein großes Versprechen,
dass da was Tolles kommt, sage ich mal, die überhaupt noch nicht vorhandenen Moderne.
Und jetzt sehen wir halt, wo wir da hingekommen sind. Noch geht es uns ganz gut, aber es wird ja nicht so bleiben.
Naja, und ich habe ja diese Arbeit hier in der Ausstellung hängen, die Don't Look Back heißt,
die sich direkt auf Caspar Friedrich bezieht, auf die Arbeit Abteil im Eichwald.
Und das Ganze ist in einem Autorückfenster von einem Kleintransporter.
Und ich habe es Don't Look Back genannt, natürlich mit der Aufforderung zurückzugucken.
Und für mich ist die Frage, so haben wir uns vielleicht verfahren.
Das Naturbild ist heute ein anderes, aber du nimmst diese Ikonografie des Waldes aus der Romantik und religiöse,
religiös konnotierte Formen.
Aber trotzdem kann ich ja den Blick, dann kann ich das ja immer noch genauso machen,
auch wenn ich in kaputten, toten Wald gehe. Ja, ich kann da immer noch irgendwie den Abendhimmel angucken
und die Erhabenheit im Desaster erleben, das geht ja alles.
Also das ist ja überhaupt nicht weg.
Und wenn ich jetzt den Wald als Spiegel der Seele sehe, kann ich das auch wunderbar im kaputten, toten Wald.
Da muss ich mich immer fragen, wo ist denn jetzt bitteschön, wo sind wir da gelandet?